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Ein Plädoyer für die Eurozone

Warum der Grexit nicht nur ein blödes Wort, sondern auch eine schlechte Idee ist.

„Hans Werner Sinn – der war doch mal Wissenschaftler“, das waren meine Gedanken, als ich heute auf Zeit Online Sinns Ausführungen zum Euroaustritt Griechenlands gelesen habe.

Einen Großteil des Artikels widmet Herr Sinn nicht aber dem „Was Griechenland davon hat auszutreten“ sondern dem „Warum Griechenland ein wirklich, wirklich schlechtes Land ist“. Spätestens seinem allgemeinen Polemisieren gegen Schulden – die Herr Sinn mit Drogen vergleicht – fehlt Objektivität. Griechenland als Drogenabhängigen zu inszenieren hilft einer anständigen Debatte kaum weiter. Kleiner Exkurs: Deutschland ist mit einem Nettoauslandsvermögen von ca. 1,3 Billionen Euro einer der weltweit größten Gläubiger – ist die Bundesrepublik also nicht nur einer der größten Waffenhändler, sondern auch ein richtig schwerer Drogendealer?

Herr Sinn beschwört auch einen neuen Schuldenschnitt – und tut dabei so als wäre dieser nur denkbar, wenn Griechenland aus dem Euro austritt. Das ist aber leider falsch. 2012 gab es bereits eine griechische Umschuldung ohne Euroaustritt. Zudem ist das historisch betrachtet auch kein Sonderfall, wenn man die Parade-Währungsunion USA betrachtet: Auch US-amerikanische Staaten und Städte haben Pleiten erlebt ohne aus dem Dollar auszutreten und sind relativ schnell wieder an die Finanzmärkte zurückgekehrt - „Staat“ ist wohl ein ausreichend gutes Geschäftsmodell, um Investoren vertrauen abzugewinnen. Der Austritt aus der Währungsunion wird für eine funktionierende Umschuldung nicht benötigt.

Das einzige Argument von Herrn Sinn ist, dass sich die Löhne in Griechenland schnellstmöglich nach unten entwickeln müssen. Das wiederum geht nur mit einer drastischen Abwertung. Wenn diese erfolgt, kann man laut Herrn Sinn nach ein bis zwei Jahren einen Aufschwung vermuten. Besonders setzt Herr Sinn auf die Baumwollindustrie und den Tourismus – in meinen Augen eine waghalsige Prognose.

Bestimmt wäre hilfreich wenn, Griechenland in den nächsten Jahren an Wettbewerbsfähigkeit gewinnt. Die komplette Wirtschaft ad hoc umzustellen ist aber wenig plausibel. Baumwolle und Tourismus sind keine Märkte von denen man sich eine höhere Technologie oder eine besondere Qualifizierung der Bevölkerung erhoffen kann – das langfristige Potenzial ist also sehr eingeschränkt. Die herausgehobene Entwicklung dieser Sektoren klingt, als würde versucht werden Griechenland wieder zu einem Schwellenland zu machen, dass günstig für den Export produziert. Eine nachhaltige Lösung sieht anders aus.

Wenn es funktioniert und Griechenland durch den Preisverfall zum europäischen Urlaubsort Nummer eins wird wären die Profiteure vor allem deutsche Reisende – deren Nachfrage könnte aber in anderen europäischen Urlaubsländern fehlen und das würde dort die Wirtschaft belasten. Außerdem könnte die politische Instabilität Griechenlands dieser Strategie einen Strich durch die Rechnung machen - alleine der Preis ist nicht entscheidend bei der Wahl des Urlaubsortes. Hier ein Interview mit dem Chef des griechischen Tourismusverbands.

Prägnant auf den Punkt gebracht, warum der Austritt Griechenlands aus dem Euro keine gute Idee wäre, hat es Paul Krugman: Entweder es geht in die Hose und Griechenland ist danach ruiniert oder es geht gut und das nächste „wettbewerbsunfähige“ Land ist an der Reihe. Die sukzessive Auflösung der Eurozone würde jahrelange wirtschaftliche und gesellschaftliche Stagnation bedeuten, denn der Austritt eines Landes aus dem Euro würde nicht nur dieses Land sondern auch die gesamte Eurozone belasten. Wechselkursschwankungen, unruhige Vermögensmärkte und vermutlich eine steigende Arbeitslosigkeit – wegen weiter sinkender Investitionen - wären zumindest kurzfristig wahrscheinlich. An einer europäischen Währung führt mittelfristig wenig vorbei.

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